Intelligentes Material

von Helen Knauf

Eislöffelchen, Papprollen, Plastikbecher, Teebeutelanhänger – Alltagsgegenstände, die wir aussortieren und wegwerfen. Gegenstände aber, die von Kindern zu neuem Leben erweckt werden können. Angeregt durch Projekte aus Reggio Emilia und durch Eindrücke in Kindertageseinrichtungen startete ich AnfangJuni einen Aufruf in unserem Netzwerk der Regionalgruppe Reggio West, mir Fotos von Alltagsmaterial zuzuschicken. Heute kann ich nun hier eine Auswahl zeigen:

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Bildschirmfoto 2014-08-07 um 19.05.56 Gestapelte Eisbecher und geometrisch angeordnete Eislöffel in der Kita „Oase“

Wichtig bei diesem Material ist insbesondere die Vielfalt und Fülle, die Thornton und Brunton (2014) als besonders anregend für Kinder beschreiben. So hält die „Oase“ in Fröndenberg  eine riesige Menge an Eisbechern bereit, die sich, wie das Bild zeigt, wunderbar stapeln lassen. Die entsprechenden Plastiklöffelchen – ebenfalls ein Cent-Artikel – lassen sich auf sehr unterschiedliche Weise einsetzen, wie die Bilder zeigen.

Schwammturm1_Arche_Mühlheim
Kinder in der „Arche“ konstruieren mit Bechern und Schwämmen

Neben den Plastiklöffeln sind auch Schwämme ein reizvolles Material. Wie hier in der „Arche“ in Mühlheim können sie von Kindern vielseitig gedeutet werden, sind also nicht nur für einen Zweck einsetzbar, sondern können ganz verschiedene Dinge repräsentieren. Die Schwämme sind ein „echtes“ Baumaterial, weil sie keine bestimmten Verwendungsweisen vorgeben (wie beispielsweise Playmobil-Figuren); die Schwämme sind einfach eine Projektionsfläche für viele Spielmöglichkeiten. Die Weichheit und „Wackligkeit“ stellt Kinder vor neue Herausforderungen (und schont zugleich die Ohren – garantiert klapperfrei!)

Teeetiketten_StMargareten
Eine Kiste voller Teebeutel-Etiketten im „Katholischen Familienzentrum St. Margareta“

Dabei spielt das Sammeln der Gegenstände eine wichtige Rolle, also der Prozess in dem der „Materialberg“ angehäuft wird. So hat es viel Zeit und viele Mit-Sammelnde erfordert, im „Katholischen Familienzentrum St. Margareta“ in Neunkirchen-Seelscheid  eine ganz Kiste mit Teebeutelanhängern zusammenzutragen. Diese Materialien können die Entwicklung des „Gestaltenden Denkens“ unterstützen: „Damit aus konkreten Handlungserfahrungen Gedanken werden, ist es wichtig, dass die Erfahrungen im Kopf des Kindes auf irgendeine Weise repräsentiert und dadurch von der Wirklichkeit des Handelns unabhängig werden.“ (Schäfer und von der Beek 2013, 117).

Knöpfe2_Kidstown2
„Kidstwon 2“ in Bielefeld: Knöpfe in Hülle und Fülle
Würfel_Hamm02
Sortieren, anordnen konstruieren – so kommen Würfel in der Kita „Baenklerweg“ in Hamm zum Einsatz

An das Sammeln schließt sich das Sortieren an – beispielsweise wie in der Kita „Kidstown 2“ in Bielefeld , wo ein ganzes „Knopfbad“ entstanden ist. Natürlich sind auch hier die Fülle und die sinnlichen Reize beim Durchwühlen wichtige Impulse. Gerade die Knöpfe mit ihren unterschiedlichen Farben, Formen und Größen laden aber auch zum Sortieren ein. Schäfer und von der Beek (2013, 159) beschreiben das Sammeln und Sortieren als „mathematische Fähigkeit, über die Kinder verfügen.“ So ermöglichen Alltagsmaterialien, wie sie hier beschrieben werden auch gezielte didaktische Impulse. Die Würfel etwa, die viele Einrichtungen in großer Zahl bereitstellen, regen zu zahlreichen Sortier- und Ordnungsspielen an. Unter dem Titel „Verliebt in die eins“ zeigt eine Wanddokumentation in der Kindertagesstätte „Baenklerweg“ in Hamm, wie ein Kind mit viel Akribie Würfel aufschichtet und ausrichtet.

Leuchttisch3_Arche_Mühlheim
Magie des Materials: Installation auf einem Leuchttisch in der Arche in Mühlheim

Das besondere Potenzial solchen intelligenten Materials erschließt sich durch die Einbeziehung von Overhead-projektoren und Leuchttischen. Transparente farbige Röhrchen, Deckel, Korken und Becher wie hier in der Mühlheimer „Arche“ regen zu geometrischen Anordnungen und wahren Licht-Installationen an.

Eine wichtige Inspirationsquelle für den Einsatz von Gebraucht- und Alltagsmaterial ist natürlich die Remida in Reggio Emilia, ein Ort, an dem aussortierte und gebrauchte Materialien gereinigt und für die Weiterverwendung (vor allem in den kommunalen Kindertageseinrichtungen) aufbereitet werden. Die Internetseite der Remida ist leider nur auf italienisch verfügbar, wobei allein die Bilder anregend sind. Die wichtigsten Informationen zur Remida finden sich aber auch auf der Homepage von Reggio Children.

Wer noch weitere Verwendungsbeispiele hat und hier teilen möchte, ist herzlich eingeladen, sie mir per Mail – gerne mit kurzer Erläuterung – zu schicken: helen.knauf@sw.hs-fulda.de

 

Literatur:

Schäfer, G. E., & Beek, von der, A. (2013). Didaktik in der frühen Kindheit. Weimar and Berlin: Verlag das Netz.

Thornton, L., & Brunton, P. (2014). Bringing the Reggio Approch to your Early Years Practice. London; New York: Routledge.

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2 Kommentare zu „Intelligentes Material“

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